Neuzeit

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Neuzeit
Neu|zeit ‚Ć©f.; -; unz.‚Ć™ die Zeit von etwa 1500 bis zur Gegenwart; ‚Üía. Altertum, Mittelalter

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Neu|zeit, die <o. Pl.>:
1. die auf das Mittelalter folgende Zeit (etwa seit 1500).
2. (selten) moderne, fortschrittliche Gegenwart.

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Neuzeit,
 
Bezeichnung f√ľr die an das Mittelalter anschlie√üende und bis in die Gegenwart reichende Epoche.
 
 
Der Begriff wurde schon im 15. Jahrhundert verwendet, ist als Periodisierungsbegriff allgemein √ľblich geworden und wie die Begriffe Alte und Mittlere Geschichte (Altertum, Mittelalter) aus der europ√§ischen Geschichte abgeleitet (Europa, Geschichte). Insofern aber der geschichtliche Raum Europas sich im 15. Jahrhundert durch die Entdeckungsfahrten der Portugiesen und Spanier erweiterte, kann der Begriff Neuzeit auch als Bezeichnung einer neuen Phase in der menschlichen Geschichte angesehen werden und hat dann allgemeinere Bedeutung.
 
Zeitliche Eingrenzung und Periodisierung:
 
Lange Zeit sind die Entdeckung Amerikas 1492 und der Beginn der Reformation M. Luthers 1517 als Anfang der Neuzeit betrachtet worden. Doch waren bereits vor diesen Zeitpunkten wichtige Grundz√ľge des neuen Zeitalters erkennbar geworden: 1) war der Schriftlichkeitsgrad der europ√§ischen Kultur durch eine starke Zunahme des schriftlichen Verkehrs (Akten und Briefe) und durch die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern um 1450 angestiegen (nur so konnte auch der Humanismus als s√§kulare Bewegung in neue Kreise eindringen); 2) war der h√∂here Schriftlichkeitsgrad der Kultur selbst wieder nur Ausdruck einer kulturellen Leistung des B√ľrgertums, dessen Wohlstand, Produktions- und Gesch√§ftstechniken eine Fr√ľhform des modernen Kapitalismus herauff√ľhrten, der f√ľr die Neuzeit von zentraler Bedeutung geworden ist; 3) stellte Europa schon in der 2. H√§lfte des 15. Jahrhunderts ein geschlossenes Staatensystem dar, dessen einzelne Mitglieder Staatswesen auf der Grundlage moderner Herrschafts- und Verwaltungsapparate ausgebildet hatten oder im Begriff standen, dies zu tun.
 
Die neuere historische Forschung hat den Beginn der Neuzeit daher auf die Mitte des 15. Jahrhunderts oder doch auf eine ¬ĽSchwellenzeit¬ę zwischen 1450 und 1500 angesetzt. Sie ist damit wieder zu einem Periodisierungseinschnitt zur√ľckgekehrt, den schon P. Melanchthon vorgeschlagen hatte, als er den Beginn der Renaissance als Anfang der Moderne mit dem Fall Konstantinopels 1453 einsetzen lie√ü. Durch die Flucht der damals vertriebenen griechischen Gelehrten nach Italien bl√ľhte hier der Humanismus als gro√üe Bewegung auf. Ein zweiter Gesichtspunkt war f√ľr Melanchthon die auf dem Konzil von Ferrara und Florenz 1439 bereits angebahnte Union mit den Griechen, die durch den Zustrom griechischer Theologen und Humanisten nach 1453 noch verst√§rkt wurde. Die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen war f√ľr die neuere Geschichte Europas unter folgenden Gesichtspunkten wichtig: Zum einen wurde nun Russland zur Schutzmacht der orthodoxen Christen des Ostens, zum anderen bewirkte die Sperrung der Landwege des Indienhandels durch die Osmanen nicht nur den allm√§hlichen Niedergang Venedigs, sondern auch eine wachsende Bedeutung der portugiesischen und spanischen Seefahrer, die auf vielerlei Routen den Seeweg nach Indien suchten und auf dieser Suche unter der Leitung von C. Kolumbus 1492 Amerika entdeckten. Diese Vielfalt der Neuans√§tze charakterisiert die √úbergangsphase vom Mittelalter zur Neuzeit, in der im Verlauf einiger Jahrzehnte die meisten Lebensbereiche des europ√§ischen Menschen grundlegend ver√§ndert wurden.
 
Fundamentale Bedeutung hatte der geistige Wandlungsprozess, der durch den Humanismus und seine R√ľckbesinnung auf die Antike in Gang kam und der in seiner langfristigen Wirkung zu einem kritischen Bewusstsein und zu einer s√§kularisierten Auffassung des Christentums bei bestimmten b√ľrgerlichen Schichten gef√ľhrt hat. Diese S√§kularisierung kam auch in der abnehmenden Bedeutung der Geistlichkeit zum Ausdruck, die das kulturelle Leben im Mittelalter stark gepr√§gt hatte. Die von den Humanisten entwickelten Regeln der philologisch-kritischen Textanalyse f√ľhrten zu den ersten textkritischen Ausgaben des Neuen Testaments, die zum Teil gro√üe Bedeutung gewannen, besonders f√ľr Luther. Trotzdem h√§ngen Humanismus und Reformation nicht unmittelbar zusammen. Beide haben aber die Einheit der mittelalterlichen Kirche aufgehoben. An die Stelle der ¬ĽRes publica christiana¬ę des Mittelalters trat das moderne europ√§ische Staatensystem.
 
Dieses Staatensystem war eine weitere Grundlage der Neuzeit. Sowohl in Europa als auch in √úbersee markierte dabei erstmals das Jahr 1494 einen Einschnitt, an dem ein globales M√§chtesystem erkennbar wurde, das seither in vielen Wandlungen die Neuzeit bestimmt hat. F√ľr die √ľberseeischen Gebiete, die zun√§chst v. a. von den Portugiesen und Spaniern beherrscht wurden, legte Papst Alexander VI. in einem Schiedsspruch am 7. 6. 1494 fest, dass sie durch eine nords√ľdliche Trennungslinie 370 Meilen westlich der Kapverdischen Inseln in eine √∂stliche, zu Portugal geh√∂rige Hemisph√§re und in eine westliche, spanische H√§lfte geteilt sein sollten. Doch hatte dieser Spruch durch das baldige Aufkommen der protestantischen Seem√§chte Niederlande und England keinen Bestand. In Europa selbst war das inzwischen entstandene M√§chtesystem erstmals 1494 anl√§sslich des Italienzuges des franz√∂sischen K√∂nigs Karl VIII. deutlich in Erscheinung getreten: Karl VIII. meldete als Erbe der Anjou die franz√∂sische Anwartschaft auf Neapel an, die er zuvor in Vertr√§gen mit England, Spanien und den Habsburgern 1492/93 diplomatisch abzusichern versucht hatte. Als aber sein Einr√ľcken in Italien zum Zusammenbruch des inneritalienischen Staatensystems f√ľhrte, vereinigten sich die √ľbrigen M√§chte gegen Frankreich, um das Gleichgewicht in Italien wiederherzustellen.
 
 Die Entwicklung in Italien als Ansatz zur Neuzeit
 
In den K√§mpfen um Italien ist das moderne europ√§ische Staatensystem zu einem ersten Abschluss gelangt. Italien war zu jener Zeit nicht nur reich, sondern hatte in seinen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen wie wirtschaftlichen Verh√§ltnissen bereits einen Entwicklungsgrad erlangt, der in vielem f√ľr die Neuzeit allgemein kennzeichnend wurde. Der fortgeschrittene Grad der politischen Verh√§ltnisse in Italien bestand aber nicht in der √§u√üeren Macht der f√ľnf Mittelstaaten (Mailand, Florenz, Venedig, Kirchenstaat, Neapel), die sich zum Teil gegenseitig neutralisierten, sondern in der neuen Gestaltungsmethode der Beziehungen zwischen diesen mittleren M√§chten, auch in ihrer modernen sozialen und wirtschaftlichen Verfassung im Innern. Der moderne Gedanke des M√§chtegleichgewichts in den √§u√üeren Beziehungen ist zuerst im Italien des 15. Jahrhunderts zu einer Theorie entwickelt worden. Der Friede von Lodi (1454), in dem die italienischen Verh√§ltnisse zu einem gewissen Gleichgewichtszustand gef√ľhrt worden waren, galt in der Folge als Musterbeispiel einer ausw√§rtigen Balancepolitik.
 
Der f√ľr die Neuzeit charakteristische Zug der Zweckrationalit√§t, wie er in diesen Methoden der Gestaltung ausw√§rtiger politischer Beziehungen zum Ausdruck kam, erwuchs aber auch aus dem gewandelten Denk- und Arbeitsstil, wie er sich schon zu Anfang des 15. Jahrhunderts in den italienischen Stadtgemeinden herausgebildet hatte. V. a. in Venedig und Florenz, zum Teil auch in Mailand, Rom und Neapel wurde ein hoher Stand der Handels- und Wirtschaftstechniken erreicht, der selbst wiederum das Ergebnis einer st√§rkeren Rationalisierung und Mathematisierung der Handels- und Gewerbet√§tigkeit war. Die Voraussetzung hierf√ľr war die √úbernahme der arabischen Ziffern, die in Italien schon im 14. Jahrhundert vollzogen wurde. Von dieser neuen Grundlage aus entwickelte sich in Italien (zuerst in Venedig) das handelsgesch√§ftliche Verfahren der doppelten Buchf√ľhrung. Tr√§ger dieser rationellen Wirtschaftspraxis war das B√ľrgertum, das besonders in Florenz auch den technischen Stand des Handwerks und der Gewerbe, v. a. der Textilherstellung, betr√§chtlich weiterentwickelte. Auch in Flandern gab es zu dieser Zeit schon ein hoch entwickeltes Textilgewerbe und moderne Wirtschaftstechniken. Die Besonderheit der italienischen Entwicklung lag in der engen Verbindung des Wirtschaftslebens mit der Politik und in den Beziehungen der oberen b√ľrgerlichen Gesellschaftsschichten zu den Gelehrten, v. a. zu den Humanisten der Zeit.
 
Die gesellschaftlich-√∂konomische Verfassung von Florenz war durch die zum Teil noch sp√§tmittelalterliche Struktur des Zunftwesens, andererseits aber auch durch das moderne Element der fr√ľhkapitalistischen Bankherren gepr√§gt. Beide Komponenten wirkten in der politischen Verfassung von Florenz zusammen. Wenn das florentinische Patriziertum (hervorgegangen aus den sieben ¬Ľoberen¬ę Z√ľnften) auch nicht so exklusiv war wie der venezianische Adel in seiner ¬ĽRepublik¬ę, so vergr√∂√üerte sich doch die Kluft zu den 14 ¬Ľunteren¬ę Z√ľnften im 15. Jahrhundert immer mehr. Eigentlich waren es die f√ľhrenden Familien, die die - wenn auch ohne das Heer der 30 000 bis 40 000 Manufakturarbeiter und deren Arbeitskraft undenkbare - fr√ľhe Entwicklung von Florenz getragen haben. Auch die fortgeschritteneren Staaten der fr√ľhen Neuzeit blieben noch durch diese politische Struktur gekennzeichnet. - Die f√ľhrenden Geschlechter waren es auch, die den kulturellen Aufschwung der Renaissance in Italien betr√§chtlich f√∂rderten. Die Verbindung von Staatsamt und Gelehrtendasein war ein wichtiges Kennzeichen dieser ersten Phase einer neuen Zeit. Der Geist analytisch-wissenschaftlicher Betrachtung wurde wie auf die neue Kunst auch auf die Welt der Politik angewendet. Die Realit√§t der innerstaatlichen Machtk√§mpfe der Parteien und das komplizierte Geflecht der ausw√§rtigen Beziehungen des 15. Jahrhunderts sind von N. Machiavelli zuerst analysiert und in einer Theorie abgebildet worden. Die moderne Idee der Staatsr√§son wird der Sache nach in seiner 1513 entstandenen Schrift ¬ĽIl principe¬ę (gedruckt 1532) begr√ľndet. Die Politik wurde hier erstmals als autonom betrachtet. Die Moral des Herrschers (¬Ľvirt√Ļ¬ę) wurde nicht an einen ethischen Tugendkanon gebunden, sondern an die F√§higkeit zur Gewinnung und Erhaltung von politischer Macht als Voraussetzung f√ľr einen stabilen Staat. Diese Zweckrationalit√§t einer autonomen Politik hat die politische Theorie der Neuzeit, aber auch die Politik selbst nachhaltig bestimmt.
 
Eine gleichsam mechanistische Betrachtung auch der politischen Verh√§ltnisse, wie sie sp√§ter T. Hobbes versuchte, wurde durch den starken Aufschwung der Naturwissenschaften nahe gelegt. Die Entdeckungsfahrten best√§tigten die Lehre von der Kugelgestalt der Erde. Das heliozentrische System wurde von N. Kopernikus 1543 auch astronomisch untermauert (¬Ľkopernikanische Wende¬ę). Die Einheit der Welt und der Wissenschaft, wie sie die Neuzeit dann zunehmend bestimmt hat, hat zur Durchsetzung des neuen heliozentrischen Weltbildes gef√ľhrt.
 
¬†Politische, gesellschaftliche und geistige Grundz√ľge
 
Die Geschichte der Neuzeit ist politisch die Geschichte von Staatensystemen, in denen sich auch die gesellschaftliche und geistige Entwicklung vollzog. Dabei ist es von grundlegender Bedeutung gewesen, dass sich diese Systeme √ľberwiegend als Ordnungen von Nationalstaaten bildeten und zum Teil noch heute bilden. Die europ√§ischen Staaten der Neuzeit sind meist als Nationalstaaten aufgetreten oder haben sich doch √ľberwiegend eine nationale Interpretation gegeben. Die Wurzeln hierzu lagen schon im Sp√§tmittelalter, die Verwirklichung des Nationalstaates wurde z. B. in England oder Frankreich im 14. Jahrhundert erreicht, in Spanien im 15. Jahrhundert, in Italien und Deutschland erst in den nationalen Einigungen des 19. Jahrhunderts.
 
Der moderne Begriff Nation ist zum Teil eng mit dem f√ľr die neuzeitliche Staatengeschichte zentralen Begriff der Souver√§nit√§t verbunden. Am Beginn der Neuzeit war es in Frankreich, England und Spanien, wo sich schon im 14./15. Jahrhundert ein nationales K√∂nigtum und eine Nationalkirche entwickelt hatten, kaum umstritten, dass der Tr√§ger der Souver√§nit√§t - abgesehen von gewissen Einschr√§nkungen, die f√ľr England zu ber√ľcksichtigen sind - das K√∂nigtum war. Als nationaler Staat im eigentlichen Sinne galt der Herrscher und sein Anhang. So hat es auch der Begr√ľnder der neuzeitlichen Souver√§nit√§tslehre, J. Bodin, gesehen. Doch w√§hrend hier noch die Rechtfertigung der zentralen Herrschergewalt gleichzeitig eine Bindung an g√∂ttliches und Naturrecht bedeutete, ging T. Hobbes weiter und begr√ľndete die Lehre von der absoluten Gewalt des Souver√§ns, vor der es auch keine Glaubens- oder Gewissensfreiheit geben k√∂nne.
 
Neben diesen Theorien, die f√ľr die Herrschaftslegitimation des f√ľrstlichen und monarchischen Absolutismus des 16.-18. Jahrhunderts wesentlich geworden sind, steht als zweite Entwicklungslinie die Idee vom Volksstaat, die Machiavelli in den zwischen 1513 und 1521 verfassten ¬ĽDiscorsi. ..¬ę (gedruckt 1531) beschrieben hat. Wenn die dort entworfene Konzeption auch nicht im modernen Sinne als Demokratie bezeichnet werden kann, so bildete dieser Ansatz doch den Beginn einer neuzeitlichen Legitimationstheorie, die √ľber die auf dem Gedanken der Volkssouver√§nit√§t fu√üende Staatslehre von J. Locke zum Begriff der Volkssouver√§nit√§t bei J.-J. Rousseau und zur modernen Lehre von der Gewaltenteilung bei Montesquieu gef√ľhrt hat.
 
Diese Theorien waren zum Teil Deutungen einer tats√§chlichen staatlichen und gesellschaftlichen Entwicklung der Neuzeit, die v. a. durch ein starkes emanzipatorisches Moment gekennzeichnet war. Dabei handelte es sich zun√§chst in erster Linie um eine Emanzipation des B√ľrgertums gegen√ľber dem Adel. Das B√ľrgertum war in der Stadtkultur und in der schnell wachsenden Geldwirtschaft der Neuzeit zu Reichtum und zu einer gewissen Macht gekommen. Der vom B√ľrgertum des 15. und 16. Jahrhunderts getragene Fr√ľhkapitalismus (Fugger, Welser, Medici) hat durch seine weit reichenden Handels- und Kapitalverbindungen den Welthandel und das Weltverkehrssystem der Neuzeit wesentlich mitbegr√ľndet. Diese b√ľrgerliche Handelsmacht wurde seit dem 16. Jahrhundert durch ein besonderes Leistungs- und Wirtschaftsethos getragen, das eine eigent√ľmlich s√§kularisierte Form der mittelalterlichen Askese darstellt und durch eine sparsame, kalkulierende und dem Luxus gegen√ľber zur√ľckhaltende √∂konomische Lebensf√ľhrung gekennzeichnet ist. Diese Grundlinie wurde durch die Reformation zum Teil noch gest√§rkt. Das galt besonders f√ľr die kalvinistischen Niederlande und England, sp√§ter auch f√ľr die USA. In England kam ein wichtiges sozialgeschichtliches Ph√§nomen hinzu: Die f√ľhrenden Schichten des B√ľrgertums verschmolzen hier mit dem Kleinadel, weil der Adelstitel immer nur auf den √§ltesten Sohn √ľberging. Die nachgeborenen S√∂hne mussten sich meist Handelsgesch√§ften zuwenden und heirateten oft T√∂chter von B√ľrgerlichen. Die dadurch eingetretene soziale Homogenit√§t einer Mittelschicht war f√ľr die Entstehung der modernen parlamentarischen Demokratie und sp√§ter auch f√ľr den Beginn der industriellen Revolution von zentraler Bedeutung.
 
Dennoch bedeutete die relativ starke Wirtschaftsmacht des B√ľrgertums noch nicht das Ende der seit dem Mittelalter bestehenden politischen Vorherrschaft des Adels und der Geistlichkeit. Es ist deshalb auch die These vertreten worden, dass erst die politische und gesellschaftliche Umw√§lzung der Franz√∂sischen Revolution von 1789 den eigentlichen Beginn der Neuzeit darstellte. Aufgrund der vielen Neuans√§tze allein schon zwischen 1450 und 1517 erscheint es jedoch richtiger, die Z√§sur des Jahres 1789 als Kulminationspunkt und als Durchbruch einer ganzen Reihe von nationalstaatlichen, geistigen und gesellschaftlich-emanzipatorischen Tendenzen zu sehen, die in der modernen Entwicklung schon seit der Mitte des 15. Jahrhunderts angelegt waren (verschiedene ¬ĽModernisierungsschwellen¬ę). F√ľr die √úbergangsphase (1750-1850) entwickelte R. Koselleck den Begriff der europ√§ischen ¬ĽSattelzeit¬ę.
 
 Historische Gliederung
 
Das in der historischen Wissenschaft mit kleineren Abweichungen √ľbliche Schema einer Gliederung der Neuzeit in eine Phase der fr√ľhen Neuzeit (etwa 1450-1650) und in eine die Zeit ab etwa 1650 umfassende ¬Ľj√ľngere Neuzeit¬ę ist eine Grobeinteilung. Dabei kommt der Z√§sur des Jahres 1648 eine besondere Bedeutung zu. Der Westf√§lische Friede brachte das definitive Ende einer universalen Ordnungsvorstellung, die durch den religi√∂sen Alleingeltungsanspruch des Papsttums und durch die universale Herrschaftsidee des r√∂misch-deutschen Kaisertums gekennzeichnet war. Im Westf√§lischen Frieden wurden die beiden protestantischen Konfessionen, von denen die lutherische schon seit 1555 reichsrechtlich anerkannt war, in der Reichsverfassung legitimiert. Die zun√§chst religi√∂s-konfessionellen Kampfanl√§sse waren seit 1635 (Prager Friede) immer mehr durch die immanenten Machtkr√§fte des europ√§ischen Staatensystems √ľberholt worden. Der Gegensatz zwischen Frankreich und dem Haus √Ėsterreich machte das Reich zum Schlachtfeld der europ√§ischen M√§chte (Drei√üigj√§hriger Krieg). - Mit Verweis auf fr√ľhere Debatten (u. a. H. Freyer, 1948) diskutiert die Forschung Beginn und Ende der fr√ľhen Neuzeit (zum Teil erst 1789 angesetzt) verst√§rkt in Zusammenhang mit der Frage nach dem Beginn der Moderne.
 
Die etwa um 1650 einsetzende j√ľngere Neuzeit, die mit einer Vorherrschaft Frankreichs in Europa begann, ist eine Zeit der Entfaltung wissenschaftlicher und gewerblich-merkantiler Neuerungen gewesen, die √ľberwiegend vom B√ľrgertum getragen wurden und schlie√ülich die gesellschaftliche und politische Emanzipation des B√ľrgertums eingeleitet haben. Besonders in der Staatstheorie J. Lockes sind diese Vorg√§nge zu einer Lehre von der konstitutionell eingegrenzten Monarchie verarbeitet worden. Lockes Lehre von der Gewaltenteilung zwischen der vorrangigen gesetzgebenden Gewalt, die beim Volk oder seinen Repr√§sentanten liegt, und der exekutiven Gewalt der Regierung wurde von Montesquieu 1748 durch eine unabh√§ngige rechtsprechende Gewalt erg√§nzt. In dieser Form hat die Lehre von der politischen Gewaltenteilung die Verfassungen fast aller parlamentarischen Staaten der Neuzeit, zuerst die der USA von 1787 und die franz√∂sische Verfassung von 1791, bestimmt.
 
Die Aufhebung der feudalklerikalen Privilegien in Frankreich 1789 zugunsten der b√ľrgerlichen Gleichheit und Freiheit war vorbereitet durch die Philosophie des Rationalismus und der Aufkl√§rung. In der den Rationalismus popularisierenden Aufkl√§rungsliteratur war der Gedanke der kritischen Vernunft auch auf Gesellschaft und Staat gerichtet worden, best√§rkt durch die Idee des Widerstandsrechts, die 1688 in England und 1776 in Amerika wirksam wurde. Der Kreis der Enzyklop√§disten war f√ľr diese grundlegende Gedankenarbeit repr√§sentativ. Neue Wissenschaften wie National√∂konomie, dann auch Soziologie und Psychologie wurden von relativ gro√üen Kreisen mit Verst√§ndnis und Interesse aufgenommen. Die arbeitsteilige b√ľrgerliche Leistungs- und Erwerbsgesellschaft f√ľhrte eine neue Funktionalit√§t des Staatswesens herbei, die darin bestand, dass der Staat nicht nur die Existenz seiner Mitglieder sichern, sondern auch Gl√ľck und Wohlfahrt des Individuums f√∂rdern sollte. Dabei sollten die Freiheitsrechte des Einzelnen m√∂glichst gesch√ľtzt sein. Dieser Liberalismus war nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich und wirtschaftlich orientiert. Er f√ľhrte zun√§chst aber nur zu gr√∂√üerer Macht der f√ľhrenden Schichten des B√ľrgertums, nicht aber der √ľbrigen b√ľrgerlichen Gesellschaft und der unteren Volksschichten. Hieraus entwickelten sich jedoch sp√§ter neue Kr√§fte, die nach 1789 immer mehr an Gewicht gewannen.
 
Wenn man die Franz√∂sische Revolution von 1789 innerhalb der seit etwa 1650 zu rechnenden ¬Ľj√ľngeren Neuzeit¬ę als Beginn einer neuesten Zeit bezeichnet, so war diese neue Phase auch durch die fast gleichzeitig sich vollziehende industrielle Revolution bestimmt (¬ĽDoppelrevolution¬ę, E. Hobsbawm), die von Gro√übritannien ausging und nach dem ¬Ľfranz√∂sischen¬ę sozusagen ein ¬Ľbritisches¬ę Zeitalter herauff√ľhrte. Die Mechanisierung der Produktion (1769 wurde J. Watt das Patent auf seine Dampfmaschine erteilt) setzte einen Prozess in Gang, der die gewerbliche Produktion durch den √úbergang zur Industriewirtschaft vollkommen ver√§nderte und das √§u√üere Erscheinungsbild und die innere Struktur der Neuzeit grundlegend wandelte.
 
Die Einf√ľhrung von Arbeits- und Antriebsmaschinen zwang zur Abschaffung des Zunftwesens und f√ľhrte damit zu einer fundamentalen Ver√§nderung der Arbeitsverfassung. Sie entlastete die menschliche Arbeitskraft, erschloss aber zugleich neue M√∂glichkeiten, Menschen als Arbeitskr√§fte einzusetzen. Nachdem G. Stephenson 1814 seine erste Lokomotive gebaut hatte, ver√§nderte sich auch das Verkehrswesen grundlegend. Es ist jedoch nicht zu √ľbersehen, dass die allgemeine Verwirklichung der b√ľrgerlichen Revolutionsideen von 1789 im Zuge der industriellen Revolution zun√§chst einen starken R√ľckschlag erlitten hat. Freiheit und Gleichheit waren f√ľr die w√§hrend der Industrialisierungsbewegung entstandenen Massen des Proletariats kaum zu erreichen; die neue Klasse der Lohnarbeiter im freien Kapitalverh√§ltnis musste sich erst organisieren, ehe der Kampf um die Verbesserung ihrer sozialen Situation Aussicht auf Erfolg haben konnte (Arbeiterbewegung). In der Erkenntnis dieser Notwendigkeit und in deren kritischer Begr√ľndung lag der wesentliche Unterschied zwischen der noch undifferenzierten Auffassung der Fr√ľhsozialisten sowie dem Anspruch von K. Marx, einen ¬Ľwissenschaftlichen Sozialismus¬ę begr√ľndet zu haben. Dieser setzte sich zum Ziel, die auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln fu√üende b√ľrgerliche Gesellschaft durch den Sozialismus in Gestalt einer Diktatur des Proletariats und danach durch den Kommunismus (K. Marx: ¬ĽRandglossen¬ę zum Gothaer Programm) zu ersetzen. Die erwartete klassenlose Gesellschaft sollte durch die Selbstvernichtung des Kapitalismus entstehen. Diese Prognose wurde durch W. I. Lenins Programm der proletarischen Weltrevolution ver√§ndert. Die russische Oktoberrevolution von 1917 sollte der Anfang auf dem Weg zur Weltrevolution sein.
 
Der Sieg des Bolschewismus in Russland hat die Machtverh√§ltnisse zwischen den gro√üen M√§chten stark ver√§ndert. Das Jahr 1917 bildet daher auch f√ľr eine Untergliederung der Neuzeit eine wichtige Z√§sur, die durch die Revolutionen in Mittel-, Ost- und S√ľdosteuropa 1989/90 faktisch ¬Ľeingeebnet¬ę worden ist. Die Oktoberrevolution war der Beginn einer ideologischen Blockbildung zwischen Ost und West, die bis zum Fall der Berliner Mauer (1989) und zur Aufl√∂sung des Warschauer Paktes (1991) bestand (Ost-West-Konflikt). Diese neuartige Blockbildung wurde schon unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg deutlich. Aber dieser Krieg hat nach seinem Ende auch Entwicklungen freigesetzt, die auf eine allm√§hliche Emanzipation der vom Kolonialismus und Imperialismus der europ√§ischen M√§chte im 19. Jahrhundert erschlossenen und eroberten √úberseegebiete hinausliefen. Eine wichtige Z√§sur kam 1917 auch darin zum Ausdruck, dass die USA als Gro√ümacht in den Weltkrieg eintraten und ihn praktisch sehr schnell entschieden. Das Schwergewicht der weltpolitischen Macht lag nicht mehr in Europa oder doch nicht mehr in Europa allein.
 
Als Grundmodelle europ√§ischer Gesellschaft mit spezifischen Problemkonstellation sind (Lepsius, 1996) anzusehen: die kontinuierlich demokratische, zugleich klassenstrukturierte Industriegesellschaft (repr√§sentiert durch Gro√übritannien), das zentralistisch verwaltete Industriesystem mit hoher territorialer Konsistenz (repr√§sentiert durch Frankreich), das nichtdemokratisch industrielle Mobilisierungsmodell mit einer daraus hervorgegangenen faschistischen Gegenrevolution (repr√§sentiert durch Deutschland) und das vordemokratisch industrielle Mobilisierungsmodell (repr√§sentiert durch Russland). Die Geschichte der Neuzeit am Ende des 20. Jahrhunderts schlie√üt f√ľr Europa die Frage ein: Was ist Europa - nach dem Verlust seiner weltpolitischen Geltung als globaler Regulierungsmacht - und was bedeutet diese Ausgangssituation f√ľr die n√§chste Stufe der europ√§ischen Integration?
 
 Zeitgeschichte und Grundlinien der Neuzeit
 
Man hat die ¬Ľj√ľngste Phase der Neuzeit¬ę, deren Beginn in der Geschichtsschreibung unterschiedlich gesetzt wird, auch als Zeitgeschichte bezeichnet. Jedoch ist dieser Begriff sehr stark an den Standpunkt der jeweils lebenden Generation und an die Epoche ihres Lebenszeitraums gebunden, sodass H. Rothfels den Begriff Zeitgeschichte als ¬Ľdie Epoche der Lebenden und ihre wissenschaftliche Behandlung¬ę definiert hat.
 
So erweisen sich auch der Begriff Neuzeit und seine Untergliederungen als heuristische Begriffe, die gewisse Haupttendenzen des historischen Verlaufs seit etwa 1450 beschreiben sollen. Zu deren Grundlinien geh√∂ren die Entstehung des neuen Menschen- und Weltbildes und des modernen Staatensystems nationaler Staaten, das Prinzip der Staatsr√§son, die S√§kularisierung, die zunehmende ¬ĽVerschriftlichung¬ę und ¬ĽVerwissenschaftlichung¬ę der Kultur, die industrielle Revolution, eine wirtschaftliche und politische Emanzipation des B√ľrgertums sowie dann auch zunehmend der Arbeiterschaft auf dem Weg zur modernen Industriegesellschaft. Deren traditionell gesetzte Grenzen erscheinen im √úbergang zum 21. Jahrhundert, mit der fortschreitenden Internationalisierung und Verflechtung der (Finanz-)M√§rkte und Volkswirtschaften, der Information und Kommunikation (Globalisierung), immer st√§rker durchbrochen und von der Entwicklung zu einer globalen Informationsgesellschaft aufgel√∂st.
 
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie v. a. auch in den folgenden Artikeln:
 
Absolutismus · Aufklärung · Humanismus · Industriegesellschaft · Kolonialismus · Reformation · Renaissance
 
 
J. M. Kulischer: Allg. Wirtschaftsgesch. des MA. u. der N., Bd. 2 (1929, Nachdr. 1988);
 H. Freyer: Weltgesch. Europas (31969);
 
Der Übergang zur N. u. die Wirkung von Traditionen. Vorträge. .. (1978);
¬†E. Hinrichs: Einf. in die Gesch. der Fr√ľhen N. (1980);
 R. Wohlfeil u. H. J. Goertz: Gewissensfreiheit als Bedingung der N. (1980);
 S. Skalweit: Der Beginn der N. Epochengrenze u. Epochenbegriff (1982);
 E. J. Hobsbawm: Europ. Revolutionen (a. d. Engl., Neuausg. 1983);
 
Grundkurs Gesch., hg. v. P. Barcel√≥, Bd. 3: Fr√ľhe N.: 16.-18. Jh. (1985);
 L. Bauer u. H. Matis: Geburt der N. Vom Feudalsystem zur Marktgesellschaft (21989);
 F. Braudel: Sozialgesch. des 15.-18. Jh., 3 Bde. (a. d. Frz., Neuausg. 1990);
 
Fr√ľhe N. - fr√ľhe Moderne? Forschungen zur Vielschichtigkeit von √úbergangsprozessen, hg. v. R. Vierhaus (1992);
 E. J. Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgesch. des 20. Jh. (a. d. Engl., 1995);
 H. Blumenberg: Die Legitimität der N. (Neuausg. 1996);
 E. Friedell: Kulturgesch. der N. (155.-162. Tsd. 1996).
 
Hier finden Sie in √úberblicksartikeln weiterf√ľhrende Informationen:
 
Renaissance und Barock: Aufbruch in die Neuzeit
 

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Neu|zeit, die <o. Pl.>: 1. die auf das Mittelalter folgende Zeit (etwa seit 1500): die Baukunst der N. 2. (selten) moderne, fortschrittliche Gegenwart: ein Automat mit allen Raffinessen der N. (Foto-Magazin 8, 1968, 4).

Universal-Lexikon. 2012.

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